
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Europa nach wie vor Todesursache Nummer eins. Umso genauer schaut die Forschung auf Stoffe, die das Herz im Alter unterstützen könnten. Ein Molekül steht dabei seit gut einem Jahrzehnt im Fokus: Spermidin. Die Datenlage reicht inzwischen von der Zellbiologie über große Tiermodelle bis zu einer der am besten dokumentierten Bevölkerungsstudien Europas.
Der Befund aus Südtirol
Die Bruneck-Studie verfolgt seit 1990 eine repräsentative Stichprobe der Bevölkerung von Bruneck. Für die Spermidin-Auswertung analysierte ein Team um Stefan Kiechl (Medizinische Universität Innsbruck) gemeinsam mit der Grazer Gruppe um Frank Madeo die Daten von 829 Teilnehmenden im Alter von 45 bis 84 Jahren. Die Ernährung wurde viermal über zwanzig Jahre hinweg mit validierten Fragebögen erhoben – insgesamt 2.540 Erhebungen. Im Beobachtungszeitraum 1995 bis 2015 traten 341 Todesfälle auf.
Das Ergebnis, 2018 im American Journal of Clinical Nutrition veröffentlicht: Teilnehmende im obersten Drittel der Spermidin-Zufuhr hatten ein deutlich geringeres Sterberisiko als jene im untersten Drittel. Nach Berücksichtigung zahlreicher Störfaktoren lag die Hazard Ratio bei 0,61 – also rund 39 Prozent geringeres Risiko. Die Autoren rechneten diesen Unterschied in Lebensjahre um: Er entsprach rechnerisch etwa 5,7 Jahren Altersunterschied.
Wichtig zur Einordnung: Das ist eine Beobachtungsstudie. Sie zeigt einen Zusammenhang, keinen Beweis für Ursache und Wirkung. Menschen mit hoher Spermidin-Zufuhr essen tendenziell auch sonst pflanzenbetonter. Die Forscher haben dafür gerechnet, restlos ausschließen lässt sich ein solcher Effekt nie. Was den Befund dennoch stark macht, ist die Kombination mit dem, was im Labor passiert.
Was im Tiermodell messbar ist
2016 veröffentlichte ein internationales Team um Tobias Eisenberg in Nature Medicine eine Arbeit, die bis heute als Referenz gilt. Mäuse, die Spermidin über das Trinkwasser erhielten, lebten länger – und ihre Herzen alterten messbar anders:
- Weniger Herzhypertrophie, also weniger krankhafte Verdickung des Herzmuskels
- Bessere diastolische Funktion – die Fähigkeit des Herzens, sich zwischen zwei Schlägen zu entspannen und zu füllen
- Verstärkte Autophagie und Mitophagie im Herzmuskel, also mehr Recycling beschädigter Zellbestandteile und Mitochondrien
- Bessere mitochondriale Atmung und verbesserte mechanisch-elastische Eigenschaften der Herzmuskelzellen
- Gedämpfte unterschwellige Entzündung
Auch hier lieferte das Team den entscheidenden Gegentest: Bei Mäusen, denen im Herzmuskel das Autophagie-Gen Atg5 fehlte, blieb der Schutzeffekt vollständig aus. Der Weg führt also über die Autophagie.
In einem zweiten Modell – salzsensitiven Ratten unter Hochsalzdiät, ein etabliertes Modell für Bluthochdruck und Herzinsuffizienz – senkte Spermidin den Blutdruck und verzögerte das Fortschreiten zur Herzschwäche. Eine begleitende Arbeit in Atherosclerosis zeigte zudem, dass Spermidin in Gefäßplaques die Lipidansammlung und die Bildung nekrotischer Kerne reduziert – ebenfalls autophagieabhängig.
Sicherheit: gut untersucht
Bei einem Stoff, den man täglich einnehmen soll, ist Verträglichkeit die erste Frage. Hier ist die Datenlage erfreulich klar.
Eine Studie von Schwarz und Kollegen (Aging, 2018) untersuchte Sicherheit und Verträglichkeit eines spermidinreichen Weizenkeimextrakts bei älteren Erwachsenen über drei Monate – ohne relevante Sicherheitssignale. Noch deutlicher wurde eine kontrollierte Studie aus dem Jahr 2024: 37 gesunde Männer zwischen 50 und 70 Jahren erhielten bis zu 28 Tage lang 40 mg hochreines Spermidin täglich. Es traten keine produktbezogenen unerwünschten Wirkungen auf, und Blutbild, Leberwerte, Blutfette und klinische Chemie blieben unverändert.
Ein Nebenbefund derselben Studie und einer Pharmakokinetik-Untersuchung von 2023 verdient Erwähnung: Die Spermidin-Konzentration im Blutplasma stieg auch bei hohen Dosen kaum an. Der Körper reguliert seinen Polyaminhaushalt offenbar sehr strikt. Für die Sicherheitsbewertung ist diese Homöostase ein gutes Zeichen – zugleich ist damit noch nicht abschließend geklärt, über welchen Weg orales Spermidin seine in Studien beobachteten Effekte entfaltet. Diskutiert werden unter anderem lokale Wirkungen im Darm und die Beteiligung der Darmflora. Dieser Punkt ist offen und wird derzeit aktiv untersucht.
Warum tägliche Ergänzung der praktikable Weg ist
Die Bruneck-Daten beziehen sich ausdrücklich auf die Zufuhr über Jahre, nicht auf einzelne spermidinreiche Mahlzeiten. Genau das ist die Herausforderung im Alltag: Der Spermidin-Gehalt der Ernährung schwankt stark, und wer nicht konsequent auf Weizenkeime, Hülsenfrüchte und gereiften Käse achtet, liegt im unteren Drittel – also genau dort, wo die Studie die Referenzgruppe verortete.
Ein standardisiertes Präparat aus Weizenkeimextrakt löst dieses Problem pragmatisch: Es liefert jeden Tag dieselbe, deklarierte Menge. Es ersetzt keine gute Ernährung, aber es macht aus einer schwankenden Größe eine verlässliche. Und weil die Verträglichkeit auch bei Mehrfachen der üblichen Dosierung belegt ist, lässt sich das über lange Zeiträume durchhalten – was bei einem Mechanismus, der über Jahre wirkt, der eigentliche Punkt ist.
Wer beim Thema Herz gezielt ergänzen möchte, achtet zusätzlich auf einen Mikronährstoff, dessen Rolle unstrittig ist: Thiamin (Vitamin B1) trägt zu einer normalen Herzfunktion und zu einem normalen Energiestoffwechsel bei. Präparate, die Spermidin mit Thiamin und Zink kombinieren, decken damit beides ab – den Forschungskandidaten und den etablierten Nährstoff.
Ausblick
Die nächste Evidenzstufe ist bereits unterwegs. In Dänemark läuft mit POLYCAD eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie, die hochdosiertes Spermidin bei älteren Patientinnen und Patienten mit koronarer Herzkrankheit untersucht – Endpunkte sind unter anderem linksventrikuläre Hypertrophie, körperliche Leistungsfähigkeit, Muskulatur und Entzündungsmarker. Die Rekrutierung wurde im August 2025 abgeschlossen, die Abschlussvisiten sind für 2026 vorgesehen. Weitere Studien zu Herzinsuffizienz mit erhaltener Pumpfunktion laufen parallel.
Für ein Nahrungsergänzungsmittel ist ein solches Forschungsprogramm ungewöhnlich. Es zeigt, dass Spermidin in der Kardiologie nicht als Wellnessthema behandelt wird, sondern als ernstzunehmender Kandidat.
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Zink trägt dazu bei, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen, und trägt zu einer normalen Zellteilung bei. Thiamin trägt zu einer normalen Herzfunktion und einem normalen Energiestoffwechsel bei.
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Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung und eine gesunde Lebensweise. Nicht geeignet bei Zöliakie.
Quellen
- Kiechl S. et al. Higher spermidine intake is linked to lower mortality: a prospective population-based study. American Journal of Clinical Nutrition 2018;108(2):371–380. doi: 10.1093/ajcn/nqy102 (ClinicalTrials.gov NCT03378843)
- Eisenberg T. et al. Cardioprotection and lifespan extension by the natural polyamine spermidine. Nature Medicine 2016;22:1428–1438. doi: 10.1038/nm.4222
- Eisenberg T. et al. Dietary spermidine for lowering high blood pressure. Autophagy 2017;13(4):767–769. doi: 10.1080/15548627.2017.1280225
- Michiels C.F. et al. Spermidine reduces lipid accumulation and necrotic core formation in atherosclerotic plaques via induction of autophagy. Atherosclerosis 2016;251:319–327. doi: 10.1016/j.atherosclerosis.2016.07.899
- Schwarz C. et al. Safety and tolerability of spermidine supplementation in mice and older adults with subjective cognitive decline. Aging (Albany NY) 2018;10(1):19–33. doi: 10.18632/aging.101354
- Keohane P. et al. Supplementation of spermidine at 40 mg/day has minimal effects on circulating polyamines: an exploratory double-blind randomized controlled trial in older men. 2024, PMID 39405978 (ClinicalTrials.gov NCT05459961)
- Senekowitsch S. et al. High-dose spermidine supplementation does not increase spermidine levels in blood plasma and saliva of healthy adults: a randomized placebo-controlled pharmacokinetic and metabolomic study. Nutrients 2023, PMID 37111071
- POLYCAD-Studienprotokoll: POLYamine treatment in elderly patients with Coronary Artery Disease. Trials 2025. doi: 10.1186/s13063-025-09176-z (ClinicalTrials.gov NCT06186102)
